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Insights
Kommunikationskultur

Wenn Aufmerksamkeit Vertrauen kostet.

Wir investieren viel Zeit und Energie, um Marken erlebbar zu machen, positive Erfahrungen zu schaffen und Vertrauen aufzubauen. Gleichzeitig begegnen uns täglich Botschaften, die mit Unsicherheit, Vergleichen und vermeintlichen Defiziten arbeiten. Ein Widerspruch, der mich zunehmend beschäftigt. Denn gute Kommunikation sollte mehr hinterlassen als einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit.

„Gehörst Du auch zu denen, die immer noch …?“ „Ich habe eine einzige Sache verändert. Seitdem ist alles anders.“ Und natürlich der Klassiker: „Die meisten Unternehmen machen diesen entscheidenden Fehler.“

Ich kann diese Beiträge langsam nicht mehr sehen/lesen. Und dabei geht es mir längst nicht nur um die persönlichen Erfolgsgeschichten auf LinkedIn. Auch im Marketing begegnet mir immer häufiger dasselbe Prinzip: Hier unsere großartige Lösung, dort all die anderen, die es offenbar noch nicht verstanden haben. Erst einmal zeigen, was alles falsch läuft, Zweifel säen und Unsicherheit erzeugen, bevor die eigene Lösung als einzig richtiger Weg präsentiert wird.

Natürlich weiß ich, warum diese Mechanismen funktionieren. Sie erzeugen Aufmerksamkeit, machen neugierig und versprechen Orientierung. Aber zunehmend frage ich mich, welchen Preis wir dafür bezahlen und was diese Art der Kommunikation eigentlich mit uns macht.

Die leise Angst, nicht gut genug zu sein.

Wir leben in einer Zeit, in der sich unglaublich viel verändert. Technologische Entwicklungen, wirtschaftliche Unsicherheit und gesellschaftliche Umbrüche verlangen uns ohnehin einiges ab. Wir müssen uns immer wieder neu orientieren, dazulernen und Entscheidungen treffen, ohne immer abschätzen zu können, was morgen richtig sein wird.

Gleichzeitig werden wir täglich mit Botschaften konfrontiert, die uns suggerieren, dass wir schon wieder etwas verpasst, falsch gemacht oder nicht verstanden haben. Dass andere längst weiter sind, erfolgreicher arbeiten oder die entscheidende Erkenntnis bereits gewonnen haben. Selbst wenn wir die Mechanismen dahinter durchschauen, bleibt manchmal dieses ungute Gefühl zurück, nicht genug zu tun oder nicht schnell genug zu sein.

Was mich daran besonders beschäftigt, ist der Widerspruch zu den Werten, über die wir an anderer Stelle so selbstverständlich sprechen. Wertschätzung, Empathie, Vertrauen und eine positive Arbeitskultur sind uns wichtig. Gleichzeitig bedienen wir uns Kommunikationsmustern, die genau diese Werte untergraben können.

Vielleicht geschieht das nicht einmal bewusst. Wir übernehmen, was funktioniert, was Reichweite bringt und was Algorithmen belohnen. Aber nur weil etwas funktioniert, ist es noch lange nicht richtig.

Was wollen wir eigentlich hinterlassen?

Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Menschen von ihren Erfolgen erzählen, Erfahrungen teilen oder für ihre Lösungen werben. Im Gegenteil. Ich finde es großartig, wenn wir voneinander lernen, neue Perspektiven entdecken und auch unsere eigenen Überzeugungen hinterfragen. Gute Kommunikation darf kritisch sein, provozieren und bestehende Denkweisen infrage stellen.

Aber warum muss die eigene Stärke so häufig über die vermeintlichen Schwächen anderer erzählt werden? Warum müssen wir Menschen erst das Gefühl geben, etwas falsch zu machen, bevor wir ihnen zeigen, dass es auch anders gehen könnte?

Gerade wir, die wir Marken entwickeln, Erlebnisse gestalten und professionell kommunizieren, sollten uns dieser Verantwortung bewusst sein. Wir wissen, wie wichtig positive Erfahrungen für die Wahrnehmung einer Marke und den Aufbau von Vertrauen sind. Wenn wir so viel Wert auf eine gute User Experience legen, sollten wir dann nicht auch darüber nachdenken, welche emotionalen Folgen unsere Kommunikation bei Menschen hat?

Vielleicht liegt genau darin eine Chance: Kommunikation wieder stärker als etwas zu verstehen, das Menschen verbindet, ermutigt und neue Perspektiven eröffnet. Statt Unsicherheit zu verstärken, könnten wir Zuversicht schaffen. Statt vermeintliche Schwächen aufzuzeigen, die Stärken wieder in den Mittelpunkt rücken. Und statt immer nur nach der nächsten Aufmerksamkeit zu suchen, Beziehungen aufbauen, die Bestand haben.

Wir haben gelernt, wie man Aufmerksamkeit gewinnt. Vielleicht sollten wir wieder mehr darüber nachdenken, wie man Vertrauen gewinnt.

Ein Text von Martina Lewis